kultBurG Open “Schlammschlacht” – Presseerklärung Alzenau, 21.05.2017

Schlamm am Boden und in den Köpfen.
Theater: Kultburg muss die Premiere der Alzenauer Freilicht-Aufführungen wegen des Regens in die Burg verlegen.

»Kultburg Open« heißt die Reihe, mit der die Aktiven des Alzenauer Theatervereins Kultburg den Reigen der Freilicht-Aufführungen in der Burg eröffnen. Petrus war schuld, dass ausgerechnet bei der Premiere am Freitagabend das »Open« gestrichen werden musste. Nach heftigem Dauerregen blieb dem Ensemble und den knapp 100 Besuchern nur der Weg in den warmen und trockenen Rittersaal.

Hier war Improvisieren angesagt, denn natürlich stimmten die Größenverhältnisse der Bühne nicht, Sitz-Szenen mit Schunkeln wurden spontan in Steh-Szenen ohne Schunkeln, dafür mit Polonaise umgewandelt, und hierfür musste schnell die passende Musik gefunden werden.

Eigene Mundartversion

Doch Regisseur Josef Pömmerl, sein elfköpfiges Team auf der Bühne und die vielen Helfer hatten alles im Griff, das Publikum erlebte unterhaltsame drei Stunden mit der Polit-Komödie »Schlammschlacht« von Fitzgerald Kusz. Bereits drei Mal fiel die Wahl der Kultburg-Regisseure auf den 1944 in Nürnberg geborenen Autoren. Das Besondere an dem neuesten Stück ist, dass er es 2006 als Auftragsarbeit für das Hamburger Ohnsorg-Theater geschrieben hat und der Text in verschiedenen Dialekten existiert. Als weitere Besonderheit erhielt der Alzenauer Theaterverein vom Verlag die Erlaubnis, eine eigene Mundartversion zu erstellen, die am Freitag immer wieder zum Schmunzeln brachte (»der Landrat kömmt!«). Lokale Anspielungen auf heimische Weine, das Aschaffenburger Klinikum oder ansässige Firmen fehlten natürlich auch nicht.
»Das geht einfach nicht!«, hören die Besucher Bürgermeister Karl Weißkopf (Roland Kilchenstein) bereits auf der Treppe zum Rittersaal poltern. Die Stimmung im Bauausschuss ist bereits vor der Ortsbegehung am Boden. Es geht mal wieder um die neue Kläranlage der Gemeinde Rüsseldorf, doch eigentlich mag keiner mehr etwas davon hören. »Oh Jesses, ich glaub‘, es regnet bald«, seufzt der Bürgermeister, und das Publikum kichert, als die ohnehin in Gummistiefeln und Regenjacke erschienenen Ratsmitglieder ihre Schirme im Rittersaal aufspannen, als es im Stück losregnet.

Pulverfass Rüsseldorf

Lange bevor zu Beginn des zweiten Teils klar wird, dass die Kläranlage explodiert ist und sich die ganze Sch… durch Rüsseldorf ihren Weg gebahnt hat, ist klar, dass auch in den Köpfen der Rüsseldorfer viel Schlamm ist. Da lässt sich der Bürgermeister munter bestechen, merkt aber nicht, dass ihn seine Frau Rosy (Stefanie Stenger) mit seinem ärgstem Widersacher Michel (Andreas Urbaniak) betrügt. Dass die Putenfarm der Bürgermeister-Schwiegertochter Helma (Laura Iaquinta) der wahre Grund ist, weshalb die Kläranlage her muss, versucht der Grüne Joachim Opitz (Christoph Thesing) vergeblich vorzubringen. Zum Glück erhört Parteikollegin Ulli (Carmen Reichenbach) wenigstens seine privaten Bemühungen. Und da sind noch die ewig über ihre Wiese grantelnde Frau Lottes (Maria Schiller) und die Sonnenstudio-Betreiberin Conny Kowatsch (Moniera Romann), die ebenfalls dazu beitragen, dass Rüsseldorf nicht nur brodelt, sondern spätestens nach dem Oktoberfest ein Pulverfass ist.
Schuld daran ist allerdings nicht der Alleinunterhalter Freddy (Jochen Schubert), der frauenfeindliche Witze erzählt, sondern der Schlamm in den Köpfen, der Bürgermeister Weißkopf zu unflätigen Äußerungen gegen Widersacher Michel wie »Am liebsten würde ich dir die Fresse polieren!«, hinreißen lässt. Als letztes Schmankerl darf das Alzenauer Publikum über einen exklusiven Schluss des Volkstheaters im besten Sinne lachen, den Josef Pömmerl geschrieben hat.

Termine: Die Vorstellungen

»Schlammschlacht« täglich von Donnerstag, 25., bis Sonntag, 28. Mai. Beginn: 19.30 Uhr, Sonntag 18 Uhr. Karten für 15 Euro (ermäßigt: 13 Euro) am Bürgerservice-Schalter im Alzenauer Rathaus oder per Mail: vorverkauf@kultburg.de. Rabatt für Gruppen ab acht Personen.

(Doris Huhn)

Lesung in der Stadtbibliothek Alzenau am 9.11.2016 mit Mo Asumang – Presseerklärung Alzenau, 10.11.16

Theaterverein kultBurG und Deutsch-Ausländische Gesellschaft Alzenau
Dem Rassismus etwas entgegensetzen

Rund 110 Zuhörerinnen und Zuhörer waren am Abend des 9. November auf Einladung der beiden Alzenauer Vereine kultBurG und Deutsch-Ausländische Gesellschaft Alzenau in die Stadtbibliothek zur Lesung von Mo Asumang gekommen. Die auch als Moderatorin und Dokumentarfilmerin  bekannte Autorin stellte ihr Buch „Mo und die Arier“ vor, in dem sie ihren persönlichen Kampf gegen den Rassismus beschreibt.

Nach der Begrüßung durch die Leiterin der Stadtbibliothek Christl Huber erinnerte der Vorsitzende der Deutsch-Ausländischen Gesellschaft Christian Schauer daran, dass kultBurG und DAGA schon 2004 am Gedenktag der Reichspogromnacht eine gemeinsame kulturelle Veranstaltung angeboten hatten. Zwei Schüler des Spessart-Gymnasiums stellten  sich als Teilnehmer ihres Ethikkurses vor und beschrieben, wie sich aus dem Unterricht heraus die Idee entwickelt hatte, Frau Asumang als Expertin in Sachen Rassismus nach Alzenau einzuladen. Mit Unterstützung ihrer Kursleiterin Frau Mavroidi hatten sie den Besuch von Frau Asumang  vorbereitet und  freuten sich nun sichtlich darüber, „ihre“ Autorin in der Stadtbibliothek begrüßen zu können. Sie betonten, dass für sie die Erinnerung an die Opfer der Nacht vom 9.11.1938 und die Auseinandersetzung mit dem Rassismus der Gegenwart zusammengehören.

Frau Asumang eröffnete ihre Lesung mit der Frage „Wie geht es Ihnen heute?“ und den Zuhörern war schnell klar, dass sie damit anspielte auf die Wahl von Donald Trump, dessen fremdenfeindliche Äußerungen im Wahlkampf auch in Deutschland auf scharfe Kritik gestoßen waren. Sie erzählte zwar von ihrem Entsetzen über die Nachricht vom Wahlsieg Trumps,  aber gleichzeitig wurde die Grundeinstellung deutlich, die ihre Arbeit prägt: Sie lässt sich nicht vereinnahmen von Ratlosigkeit und Angst, sondern will dem, was sie bedroht, „etwas entgegensetzen“. So deutete sie auch ihre Lesung am Tag des Wahlsiegs von Trump als Zeichen dafür, dass mit ihr zusammen viele Menschen gegen Fremdenfeindlichkeit und Hass anzukämpfen bereit sind. Dass Angst einen Menschen kleinmacht und ihm jeden Handlungsspielraum nimmt, zeigte Frau Asumang sehr anschaulich anhand eines Auszugs aus dem ersten Kapitel ihres Buches. Hier beschreibt sie den Moment, als sie zum ersten Mal die Liedzeile einer Neonaziband mit einer an sie persönlich gerichteten Morddrohung hört. Der erfahrenen Synchronsprecherin gelang es durch ihren fesselnden Vortrag dem Publikum die zerstörerische Wirkung dieser Hassbotschaft eindrucksvoll zu vermitteln. Erst als sie beschließt, den Verursachern dieser sie lähmenden Angst, den rassistischen Hasspredigern und Neonazis, persönlich gegenüberzutreten, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und das Gespräch mit ihnen zu suchen, findet sie wieder zu sich selbst. Wenn Frau Asumang liest, wie sie sich einem wegen rassistischer Gewalttaten inhaftierten Neonazi nähert und der ihr aus Scham nicht in die Augen sehen kann, wenn sie erzählt, wie Neonazis ihr nicht erklären können, warum sie sie als Afrodeutsche eigentlich hassen müssen, dann hat das durchaus  seine komische Seiten und wirkt recht harmlos. Gerade diese Begegnungen bezeichnet Mo Asumang aber als ihre „kleinen Missionen“: Wenn sie das Gespräch mit Rassisten sucht, hofft sie darauf, Änderungen in deren Wahrnehmung und Einstellung anzustoßen. Die Beschreibung von gefährlichen Situationen zum Beispiel bei Neonaziaufmärschen oder bei der Begegnung mit dem Ku Klux Klan machen aber auch klar, dass es Grenzen der „Methode Asumang“ gibt. Im Gespräch mit ihren Zuhörern betonte die Autorin, dass der Kampf gegen gewaltbereite Rechtsextreme von der Polizei und der Justiz geführt werden müsse, dass die Stärkung von  demokratischen Strukturen den nachhaltigsten Schutz vor Fremdenhass und Gewalt biete. Gleichzeitig bestand  sie darauf, dass der Einzelne die Verantwortung aber nicht auf die Politik oder die Gesellschaft abwälzen könne, sondern dass sich jeder aus der angstvollen Erstarrung lösen und sich dem alltäglichen Rassismus  entgegenstellen könne, indem er das persönliche Gespräch suche. Das Publikum zeigte sich beeindruckt vom Mut und dem überzeugenden Engagement der Autorin und bedachte ihre Lesung mit herzlichem Applaus.  Zum Abschluss der Veranstaltung dankte  der Vorsitzende des Theatervereins kultBurG Roland Kilchenstein  Frau Asumang für ihr Kommen  und überreichte ein Andenken an ihren Abend in der Stadtbliothek Alzenau.

(Gertrud Englert-Schauer im Auftrag von kultBurG und DAGA)

 

Szenen einer Ehe – MainEcho vom 12.03.2016

Theater: Kultburg-Stück “Alte Liebe” geht auf Tuchfühlung mit einem sich liebenden und nervenden Paar.
Alzenau Samstag, 12.03.2016
Glänzende Premiere konnte am Donnerstagabend im voll besetzten Zimmertheater des Alzenauer Vereins kultBurG die neueste Inszenierung »Alte Liebe« feiern.
Das Zwei-Personen-Stück mit Barbara Vogel-Hohm und Klaus Kolb (Regie: Inge Mayer) basiert auf dem 2009 veröffentlichten Roman von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder und wurde in einer Theaterfassung von Markus Steinwender gezeigt.
 

Höhen und Tiefen

Der intime Rahmen des vereinseigenen Theaters ist wie geschaffen für das Stück, das Höhen und Tiefen eines seit 35 Jahren verheirateten Ehepaares zeigt. Fast auf Tuchfühlung mit der ersten Reihe agieren Barbara Vogel-Hohm und Klaus Kolb ganz großartig. Neben der Bewältigung einer Riesenmenge Text schaffen es die beiden, das Publikum ohne Schamgefühl an ihren privatesten Gefühlen teilhaben zu lassen.
Die Bibliotheksangestellte Lore und der seit einem Jahr in Rente befindliche Harry sind so unterschiedlich wie ihre Kleidung. Gartenliebhaber Harry trägt eine lässig-bequeme Hose mit Hosenträgern, Gummischuhe und einen Strohhut. Lore steckt dagegen in einer korrekten Stoffhose in Schwarz mit Bluse und ordentlichen Schnürschuhen.

»Früher war mehr Freude«
Dabei scheint Harry eindeutig der zufriedenere der beiden zu sein, wenn ihn nicht gerade seine Ehefrau mit Provokationen und Zickereien nervt. »Du liest nicht, du interessierst dich nicht, du verblödest!«, wirft sie ihm in einem ihrer Streit-Momente vor, nach denen sich Harry gerne mit einer Bierflasche in seinen geliebten Garten verzieht. Lore geht sich mit ihrem Perfektionismus und ihrem Zwang, Harry zu »erziehen«, oft selbst auf die Nerven.

»Ich möchte ein anderes Leben!«, wünscht sie sich trotzig und fragt sich, ob ihr Gemütszustand »die berühmte blöde Sinnkrise« ist oder einfach das Alter mit all seinen Verlusten von »Haaren, Zähnen, Schönheit, Leidenschaft, Libido und Freunden«. »Früher war einfach mehr Freude!«, ist sich Lore sicher.
Regisseurin Inge Mayer hat ihre Darsteller darauf eingeschworen, das sich liebende und manchmal nervende Paar vollkommen überzeugend darzustellen. Eventuelle – natürlich rein zufällige – Parallelen zu Ehen im Familien- oder im Freundes-Umfeld konnten sicher alle Zuschauer schmunzelnd erkennen.

Über die trocken-humorigen Antworten von Harry konnte zwar nicht Lore, aber zum Glück das Publikum lachen. Die inklusive Pause zweistündige Aufführung punktet durch Authentizität und starke Dialoge und Monologe. Dabei fesselt die Beziehung zweier Menschen, die sich nach 35 Jahren unsagbar vertraut sind, sich dadurch aber auch unsagbar verletzen können, ungemein.

Alle fünf weiteren Vorstellungen sind ausverkauft. Über eine Wiederaufnahme im Spätherbst wird nachgedacht.

Gretchen 89 ff – MainEcho vom 27.10.2015

Zehnmal die Kästchen-Szene – Mit “Gretchen 89 ff.” ist dem Alzenauer Theaterverein Kultburg ein weiterer Coup gelungen

Alzenau  Ja, wie spielt man denn nun ein Stück, wie es wirklich ist? Die Episode, die Sprecherin Barbara Vogel-Hohm (auch Bühnenbild und Kostüme) zu Beginn der neuesten Kultburg-Aufführung »Gretchen 89ff.« erzählt, zeigt einen philosophischen Abgrund hinter dem Satz. Was ist richtig gespielt, was falsch?
Fakt ist: Es gibt selige und unselige Kombinationen von Regisseuren und Schauspielern, weil hier ganz unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen, mal wie ein Windhauch, mal wie ein Tornado…

Das Publikum abholen

Mit Lutz Hübners »Gretchen 89ff« ist dem 2001 gegründeten Alzenauer Theaterverein Kultburg ein weiterer Coup gelungen. Zu den zehn Szenen, die jeweils einen bestimmten Typen von Regisseur und Gretchen beim Proben der Schatzkästchen-Szene aus Goethes “Faust” zeigen, hat Josef Pömmerl eine Anfangs- und eine Schlussszene hinzugefügt, die das Stück runder machen, das Publikum sozusagen abholen und nach Hause bringen sollen.
Der Typ Schmerzensmann (Heiko Bozem) brüllt sein Gretchen (Moniera Romann) in Grund und Boden (»Ich muss den Irrsinn spüren!«), während das Tourneepferd (Andreas Urbaniak) seine Hauptdarstellerin (Anna Jäger) mit Wiener Charme umgarnt und sozusagen auf Händen zum Kaffee trägt. Der alte Haudegen (Christoph Thesing) lebt in vergangenen Zeiten, als er noch auf der Bühne stand und schläft dabei ein, der Freudianer (Heiko Bozem) nervt sein Gretchen (Carmen Reichenbach) mit versauten Interpretationen, die im Kästchen als Phallus-Symbol gipfeln. Anna Jäger treibt als Anfängerin mit ihrer Übermotivation ihren Regisseur in den Wahnsinn, die Dramaturgin (Gabi Wittemann) fordert ihr männliches Gretchen an die Grenzen (»denk mal geschlechtsneutral!«), und Matthias Wissel rationalisiert als Regisseur-Typ »Der Streicher« gleich die ganze Szene weg…

Risiko und Riesenchance

Das Stück kommt bei den 40 Besuchern im Zimmertheater hervorragend an, und jede Szene erhält großen Applaus. Immer wieder ist es bewundernswert, wie sich die Akteure, die auf einen Meter zum Publikum entfernt auf der Bühne stehen, in ihren Rollen austoben. Die Nähe ist auf jeden Fall Risiko und Riesenchance gleichzeitig. Bei »Gretchen 89ff« läuft es aber wie so oft bei der Kultburg wie am Schnürchen…

Doris Huhn

 

 

 

 

 

 

Erschreckend realistisch – MainEcho vom 16.05.2015

Theater: Kultburg mit glänzender Premiere der Tragikomödie »Einer flog über das Kuckucksnest«

Alzenau  Nein, Petrus ist kein Kultburgler, wie es sich Regisseurin Christine Mareck-Brünnler (Assistenz: Marianne Hofmann) vor der Premiere der Tragikomödie »Einer flog über das Kuckucksnest« gewünscht hatte. Denn dem kräftigen Schauer eine halbe Stunde vor Beginn der knapp dreistündigen Inszenierung im oberen Burghof folgten weitere kleine Regengüsse.

Doch die knapp 100 Gäste waren so fasziniert und gebannt von dem Spiel des Alzenauer Theatervereins, dass das Wetter hier quasi zu einer Komponente im spannenden Geschehen wurde. Denn welches Wetter passt besser zu einer geschlossenen Psychiatrie in den 60er Jahren in den USA, in der noch Lobotomie (ein operativ herbeigeführter Hirnschaden) praktiziert wird, als Regen?

Vorstand macht mit

Die Besonderheit bei der neuesten Kultburg-Produktion war, dass fast der gesamte Vorstand mitspielte. Teils erschreckend realistisch, teils umwerfend witzig setzten die Kultburgler das schwierige Thema um. Bereichert durch stimmige Musik und Lichtregie entspann sich das Leben im »Kuckucksnest« (»cuckoo« bedeutet in der amerikanischen Umgangssprache verrückt). Der komplette obere Burghof wurde bespielt, was die Zuschauer noch mehr in das Geschehen einbezog, für die Akteure aber eine zusätzliche Herausforderung bedeutete.

In der Anstalt führt Schwester Ratched (Marianne Hofmann) ein strenges Regiment mit Zuckerbrot und Peitsche. Als der kriminelle Zocker Randle McMurphy (Thomas Amberg) auftaucht, der hier der Strafe des Arbeitslagers entkommen will, beginnt die Tyrannin einen persönlichen Rachefeldzug gegen ihn. Selbst Dr. Spivey (Barbara Vogel-Hohm) kann sie nicht stoppen. Die Mit-Patienten sind von den Ideen McMurphys begeistert. Unter die Haut gehend wird jeder Charakter dargestellt. Roland Kilchenstein brilliert als Häuptling Bromden, der sich taubstumm stellt. Peter Lubetzki, Felix Kuehne, Klaus Kolb, Andreas Urbaniak und Steffan Rupprecht zeigen deutliche psychische Auffälligkeiten. Der eine stottert zum Erbarmen, der andere kratzt sich zwanghaft, der dritte will sich unter allen Umständen in seinen großen Zeh beißen.

Situationskomik

In langer Erinnerung bleiben wird der Running Gag von Ruckly (Alfred Kolb), der sich stets wie ein Gekreuzigter an die Wand hängen lässt. Sein in unterschiedlicher Betonung und wechselndem Tempo hervorgebrachtes »Scheiß auf alle!« bei jedem Abgang ist Situationskomik pur. Das mehr oder weniger »böse« Personal wird von Elyssa Rivera, Egon Pichl, Heike Bösebeck und Stefka Huelsz-Träger in Szene gesetzt. Mit dem Besuch von zwei Prostituierten, gespielt von Moniera Romann und Gabriele Wittemann, erlebt das lustige Leben in der Anstalt einen letzten Höhepunkt.
Am Ende waren die Truppe und die Besucher zwar durchgefroren, aber um ein hochemotionales und stark gespieltes Theatererlebnis bereichert worden.

Doris Huhn

 

 

 

Spontan, spannend und einmalig – MainEcho vom 07.10.2013

Kultburg: Alzenauer Theaterverein präsentiert erstmals Improvisations-Theater im Domidion-Saal der Alten Post

Alzenau  Dieser Theaterabend wird so nie wieder aufgeführt. Nicht in Alzenau und auch an keinem anderen Ort der Welt. Er ist nicht wiederholbar und bleibt einmalig in seiner Art. Nur wer am Freitag im restlos besetzten Domidion-Saal der Alten Post war, hat ihn miterlebt. Erstmals präsentierte die Gruppe Improtant des Alzenauer Theatervereins Kultburg einen Improvisationsabend ohne Skript. Und dabei ging es ganz schön rund auf der Bühne, auf der Heiko Bozem, Jens Nimbler, Gast Anne Dietrich, Regina Kranz, Franziska Markardt, Sandra Majewski und Jonas Milke alles gaben. Eingeschworen von Regisseurin Carolin Gündling, die den Akteuren am Ende ein Riesenlob aussprach, bewältigten die Schauspieler ihre Parts mit Bravour.

Messlatte hoch angesetzt

Spontan, spannend, wortgewandt, witzig und immer einmalig gelangen die einzelnen Szenen, die Moderatorin Yasminé Schmitt aus Aschaffenburg dem Publikum vorstellte.
»Ganz wichtig: Sie müssen heute Abend etwas tun!« So schwor die sympathische Ansagerin die Zuhörer ein und erklärte die Spielregeln. »Sie müssen einzählen: 5, 4, 3, 2, 1 … und los!«, gab sie vor und sofort schallte es probehalber durch den Saal.

Genau rechtzeitig, denn schon rannte das Ensemble auf die Bühne und legte los mit dem Spiel »Impro-Marathon«. Dem Ideenreichtum waren hier keine Grenzen gesetzt und das Publikum lachte sich schlapp darüber, was sich aus einer kurzen Szene entwickeln kann.

In Sekundenschnelle sorgten neue Figuren und neue Situationen dafür, dass die Messlatte für das Spieltempo von Anfang an ganz hoch angesetzt wurde. »Zehn Orte« sollte das Publikum anschließend nennen, an die es die Akteure schickte. Im Fegefeuer, auf dem Kopierer oder im Erotik-Center galt es, schlagfertig zu sein.

Erraten musste anschließend Jens Nimbler, welche »verrückte Erfindung« ihm das Publikum ausgewählt hatte. Nur anhand der Gestik von Heiko Bozem reimte er sich die »Mäuseköpfmaschine« zusammen, nach der ihn Anne Dietrich fragte.
Krass war auch das Blind Date, das Jonas Milke überstehen musste: Sein Date war eine multiple Persönlichkeit, die von drei Frauen dargestellt wurde. So richtig die Sau raus lassen konnte dabei Sandra Majewski als explodierende Cholerikerin.

Auch in der Pause war das Publikum gefordert. Die Texte, die es auf kleine Zettel schrieb, schüttete Moderatorin Jasminé Schmitt im zweiten Teil auf die Bühne. Regina Kranz und Sandra Majewski durften nun, während sie sich in einem Kühlschrank befanden (ja, das Publikum machte es dem Team nicht leicht …), die Steilvorlagen nach Gusto in den improvisierten Text einbauen.

Goldener Wal

Nicht aus dem Lachen heraus kamen die Besucher beim Genrewechsel, den Jonas Milke, Anne Dietrich und Franziska Markardt super meisterten.

Ob Thriller oder Musical – das Team parierte die Vorgaben super und vor allem Franziska Markardt als Katze Molly war einfach grandios. Sie provozierte im letzten Spiel, dem »Gebärden-Dolmetscher«, wahre Begeisterungsstürme, als sie das Gespräch von einem Schornsteinfeger und einem Interviewer (Heiko Bozem und Jens Nimbler) zum Gewinn des goldenen Wals in einer beispielhaften szenischen Leistung »übersetzte«. Allein ihre Darstellung des Wals war meisterhaft.

»Können wir noch mal den Wal sehen?«, fragte nach dem überwältigenden Schlussapplaus eine Stimme aus dem Publikum und Franziska Markardt, die auch den Fisch und die Zecke klasse beherrscht, tat ihr und dem Rest des Publikums gerne den Gefallen. Bitte bald mehr von diesem Theater der ganz anderen Art!

Doris Huhn

 

 

 

 

 

 

Sechs »Morde« in der Alzenauer Burg – MainEcho vom 01. Juni 2013

Theater: Hochspannung bei der Premiere von Umberto Ecos Mittelalter-Krimi »Der Name der Rose«

Alzenau  »Kräftige Glockenschläge schallen durch den oberen Burghof in Alzenau. Die Mönche versammeln sich gemessenen Schrittes. Plötzlich fällt mit dumpfem Schlag eine Leiche vom Wachgang in luftiger Höhe auf die Bühne hinab. Schreiend und voller Panik rennen die Mönche auseinander. Auch das Publikum ist nach diesem Paukenschlag, mit dem die jüngste Premiere des Theatervereins Kultburg begann, hellwach und stark sensibilisiert.

Reihe »Kultburg open«

Unter der Regie von Josef Pömmerl und Miriam Benden (Inszenierung: Josef Pömmerl) ist es gelungen, den Mittelalter-Krimi »Der Name der Rose« von Umberto Eco in der Bühnenfassung von Claus J. Frankl in einer packenden Aufführung in der Reihe »Kultburg open« auf die Bühne zu bekommen. Die Burg Alzenau dient hierbei als ideale Kulisse, die voll bespielt wird. Das heißt, neben der relativ kleinen Bühne, auf der die 24 Amateur-Schauspieler sich in großen Szenen drängen müssen, werden der Wachgang, der Burgturm und der Aufgang zum Burghof und in die Burg genutzt. Das gibt den Zuschauern das mittelbare Gefühl, dabei zu sein und alles hautnah mitzuerleben.

Besonderes Augenmerk lag an diesem Open-Air-Abend natürlich auf dem Wetter. Blieb der erste Teil komplett trocken, so regnete es sich ab der Pause leider richtig ein. Die meisten Besucher saßen unter der riesigen Kastanie trocken. Auf der Bühne wurde es aber mit der Zeit immer rutschiger und am Ende landeten zwei Mitspieler im Eifer des Gefechts sogar unsanft auf dem Boden.

Von der ersten Minute an ist Hochspannung angesagt. In vielen Köpfen präsent war die 1986 erfolgte Verfilmung mit Sean Connery in der Rolle des Franziskanermönchs William von Baskerville. Mit Christian Pohl und Hendrik Blum, der den jungen Benediktiner-Novizen Adson spielte, waren zwei starke Protagonisten gefunden worden. Auch in den Reihen der Mönche präsentierten sich einige herausragende Talente. Ursula Stöckl-Elsesser gebührt für ihre Rolle als Mädchen ein besonderes Lob. Ihr Wimmern nach der grausamen Folter war auch am Tag danach noch im Ohr…

Vor der so einfachen wie genialen Aufklapp-Kulisse nimmt die Handlung rasch Fahrt auf. Ein toter Mönch folgt auf den nächsten. Während William und Adson auf der Suche nach der geheimnisvollen Bibliothek und dem verbotenen Buch sind, spielt sich das Leben der Mönche zwischen absoluter Askese und Sünde ab. In einer faszinierenden Kombination aus packendem Spiel, stimmiger Maske und passenden Kostümen bis hin zu den ledernen Sandalen, sowie Musik und Beleuchtung lässt sich das Publikum auf die Begegnung mit dem mittelalterlichen Stoff gerne ein und vergisst darüber sogar das nicht optimale Wetter.

Gruselige Momente

Immer wieder gibt es besondere Augenblicke. Als William und Adson mit einer Laterne durch das Labyrinth irren, verdeutlicht das die Alzenauer Inszenierung mit vier Paaren, die kreuz und quer auf allen Spielebenen durch die Burg laufen. Viel Personal bringt der Besuch der päpstlichen Inquisition mit sich. Bernardo Gui (schön unsympathisch gespielt: Heiko Bozem) und seine unbarmherzigen Methoden, um Ketzerei und schwarze Magie aufzudecken, sorgen für gruselige Momente im Burghof, die mit dem Scheiterfeuer für die Verurteilten enden.

Am Ende brennt auch die kostbare Bibliothek des Klosters. Höchste Dramatik beendet die authentische Inszenierung, an deren Ende es für jeden Mitspieler eine – na, klar – Rose gibt. Nur langsam findet das Publikum nach diesem packenden Theatererlebnis vom 14. Jahrhundert zurück ins 21. Die zunächst stockdunkle Burgtreppe lässt erahnen, wie düster das Mittelalter auch ohne Morde sein konnte.

Doris Huhn

Weitere Aufführungen am 1. sowie 7. bis 9 Juni. Alle Veranstaltungen sind bereits ausverkauft. Zusatzvorstellungen im Herbst in Planung. Das Familienstück mit den Kultburg-Kids feiert am Sonntag, 9. Juni, um 11 Uhr Premiere im oberen Burghof. »Das Gespenst von Wilmundsheim« ist für Kinder ab sechs Jahre geeignet. Informationen zum Verein unter www.kultburg.de.

 

 

 

Nachwuchs macht Köpfe mit Nägeln – MainEcho vom 11. Juni 2013

Kultburg-Kids: Premiere von »Das Gespenst von Wilmundsheim« – Bei sintflutartigem Regen in den Rittersaal verlegt

Alzenau  Obwohl das böse »Sch…«-Wort verboten ist, hätte Stefka Huelsz-Träger genau dieses am Sonntagvormittag gerne verwendet, denn die Premiere des Stücks »Das Gespenst von Wilmundsheim«, das die Kultburg-Kids im oberen Burghof aufführen wollten, musste bei sintflutartigem Regen in den Rittersaal verlegt werden. Also »Kultburg Indoor« statt »Kultburg Open«, wie Vorsitzender Roland Kilchenstein die Veranstaltungsreihe kurzerhand umbenannte.

Lang anhaltender Applaus

»Wir wissen nicht so richtig, wo wir herkommen und wo wir hingehen sollen«, beschrieb Huelsz-Träger, die gemeinsam mit Marianne Hofmann Regie führte, die Situation für das zehnköpfige Ensemble an ungewohnter Stelle. Doch alles klappte wie am Schnürchen, und am Ende gab es einen nicht enden wollenden Applaus von den Besuchern im voll besetzten Saal.

Marianne Hofmann hatte die Mühen nicht gescheut und den Kindern und Jugendlichen extra ein eigenes Stück geschrieben. Oscar Wildes »Das Gespenst von Canterville« war freie Grundlage für das Alzenauer Gespenst, das seit 400 Jahren auf der Burg haust. Der köstliche und Generationen übergreifende Theaterspaß kam beim Publikum mit seinem herrlichen Lokalkolorit hervorragend an.

Perfektes Vergnügen

Tolle Kostüme wie die des Clubs der lebenden Leichen (Stefka Huelsz-Träger) und die dazu passenden Masken (Dagmar Schudt) machten den Theaterspaß zu einem perfekten Sonntagsvergnügen, das das schlechte Wetter bald vergessen ließ.

Der Frankfurter Äbbelwoi-Beauftragte Herbert Boskoop möchte mit seiner Familie in die Burg Alzenau ziehen und dort mindestens bis Ende 2015 wohnen bleiben – »wegen der Kleinen Landesgartenschau«. Schnell ist »alles in Handkäs« und der Spuk schreckt die Neu-Alzenauer auch nicht ab. Man kommt schließlich aus Frankfurt, der Hauptstadt des Verbrechens.

Während die Zwillinge Kalli und Franzi auf das Kreuzburg-Gymnasium in Großkrotzenburg gehen sollen, darf Liesjen Boskoop das Spessart-Gymnasium in Alzenau besuchen. »Eure Schwester ist clever genug für ein bayerisches Abi«, lautete die viel belachte Begründung der Eltern.

Aus der Schulzeit des aktuellen Alzenauer Bürgermeisters hörte man die Information, dass dieser »viele schöne Stunden« auf der Äbbelwies, der traditionellen Feierwiese der SGAler, verbracht haben soll. Viel zu schmunzeln gab es auch, wenn die türkische Haushälterin Frau Ummit den Mund aufmachte. Sie hadert mit dem immer wiederkehrenden 400 Jahre alten Blutfleck: »Isch machen weg, kommt wieder Fleck!«

Beruhigungspillen fürs Gespenst

Mit dem Gespenst Walter von Wilmundsheim konnte man wirklich Mitleid bekommen, was das Publikum mit einer Runde tieftraurigem »Ohhhh« bestätigt. Nicht nur, dass seine neuen Mitbewohner gar keine Angst haben, sie schenken ihm Antikalk-Mittel und Beruhigungstabletten, um seine Spukstunden geräuscharmer zu gestalten. Von den Zwillingen, die als Ghostbuster auftreten, wird er gnadenlos mit Softbällen abgeballert. Da ist der Club der lebendigen Leichen gefordert: »Wir müssen Köpfe mit Nägeln machen!« Die Geistertruppe mit der süßen Zweitklässerin Jacqueline Lohr als Ludovica von der Scheurebe ist schaurig-schön anzusehen und rät ihrem Kollegen: »Walter, du musst dich mehr ins Zeug legen, sonst bleibst du auf der Streckbank!«.

Wie das Stück ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: Die einstündige Aufführung vergeht wie im Flug und lohnt sich definitiv. Die zehn Kultburg-Kids agieren auf der Bühne mit Selbstbewusstsein und enormer Umsicht. Hier wächst definitiv ganz starkes Nachwuchspotenzial für den Theaterverein heran. Doris Huh

Doris Huhn

»Das Gespenst von Wilmundsheim« – weitere Vorstellungen, jeweils im oberen Burghof:
Samstag, 22. Juni, 15 Uhr
Sonntag, 23. Juni, 11 Uhr.
Eintrittskarten zu fünf Euro gibt es im Vorverkauf (Tageskassen: sieben Euro) im städtischen Verkehrsamt Alzenau, Tel. 0 60 23 / 50 21 1.

 

 

 

Theater-Feuer an einem kalten Abend – MainEcho vom 19.05.2016

KultBurG-Open: 100 Besucher bei dreieinhalbstündiger Premiere der Gaunerkomödie “Volpone” im Burghof
Es war ein bitterkalter Pfingstsamstag-Abend, an dem die neue Produktion des Alzhenauer Theatervereins KultBurG die Gaunerkomödie “Volpone” in der Reihe der KultBurG-Open Premiere feierte. Die temperaturen rutschten im Laufe der dreieinhalbstündigen Inszenierung in den einstelligen Bereich. Dazu pfiff ein eisiger Wind durch den oberen Burghof.
 

Rund 100 wetterfeste Besucher hatten sich mit Decken und in Winterklamotten auf den Weg gemacht, um dabei zu sein. Die Entscheidung war goldrichtig. Denn an diesem kalten Abend brannte auf der Bühne lichterloh ein Theaterfeuer, das man so schnell nicht vergessen wird. Obwohl die Aufführung durchaus Längen hat und der erste Teil mit 105 Minuten am Stück extrem ausufert, begeistert das Ensemble durch hochkarätige Leistungen. Unter der Regie von Josef Pömmerl spielten die Kultburgler ein Stück von Ben Jonson, der neben William Shakespeare als bedeutendster englischer Dramatiker gilt, in einer Bearbeitung von Stefan Zweig.

Bezug zur Fabel

Bezug nehmend auf die antike Fabel tragen die Akteure Tiernamen entsprechend ihrer Charaktere und tragen in der Alzenauer Aufführung mal mehr oder mal weniger deutliche Attribute. Volpone, der Fuchs, trägt zum Beispiel eine Mütze aus Fuchsfell. Schultern und Arme von Geier, Habicht und Krähe werden von schwarzen glänzenden Federn bedeckt. Der Gehilfe Volpones, die Schmeißfliege Mosca, ist von Kopf bis Fuß als Fliege gekleidet.
Die Geschichte des reichen Gauners, der sich todkrank stellt und von den Erbschleichern, die nun auf den Plan treten, Gold, Geldstücke oder Schmuck über Mosca einsammeln lässt, ist schlau ausgedacht. Wie Dagobert Duck in einer Badewanne mit Geldstücken sitzend (Bühnenbild: Hans Bösebeck, Barbara Vogel-Hohm), tüftelt Volpone an seinen Plänen und ist selbst hingerissen davon (»saftige Bosheit wärmt mehr als Branntwein«). Doch die Dinge laufen aus dem Ruder, als er die Ehefrau des eifersüchtigen Corvinos für eine Nacht fordert …

In der Hauptrolle des Volpone glänzt Andreas Urbaniak, er freut sich königlich über das bevorstehende Theaterspiel. Mit reichem Mienenspiel, das in Sekundenschnelle wechselt und ausdrucksvoller Körpersprache begeistert Anna Jäger in der Rolle von Mosca. Katharina Wilz, Heiko Bozem, Britta Olbrich und Sandra Majewski stellen die Erbschleicher dar.

Gestöhne und Gejammer

Vor allem Majewski in der Rolle des Alter Corbacchio spielt fantastisch. Ihr Gestöhne und Gejammer über das viele Geld, das ihr/ihm fehlt, kombiniert mit der wunderbar einstudierten Körperhaltung eines alten Mannes, der an Stöcken geht, ist genial unterhaltsam. Matthias Wissel spielt Capitano Leone mutig wie ein Löwe. Nicole Bozem als Colomba hat ihre urplötzlichen Ohnmachtsanfälle sorgfältig einstudiert und wird von der Premiere hoffentlich nicht allzu viele blaue Flecken davon getragen haben. Die Rolle der Richterin stattet Carmen Reichenbach mit herrlichen Augen-Tics aus. Verschiedene kleinere Rollen übernahmen Laura Iaquinta, Ursula Stöckl-Elsesser und Stefanie Stenger zuverlässig.

Was die »Star-Wars«-Titelmelodie mit dem Gaunerstück zu tun hat, welche Gerechtigkeit am Ende siegt und ob Volpone tatsächlich »der vollkommenste Schurke in Venedig« ist, können Theaterfans bei sicher höheren Temperaturen in einer der nächsten Vorstellungen erfahren.

Doris Huhn

Ein Richter in großer Verlegenheit – MainEcho vom 30.05.2016

Theater: Die Alzenauer KultBurG-Teens haben Kleists “Zerbrochenen Krug” am Sonntag auf die Bühne gebracht
Nachdem bereits im vergangenen Jahr mit “Romeo und Julia” ein Klassiker erfolgreich aufgeführt worden ist, wünschten sich die KultBurG-Teens des Alzenauer Theatervereins auch in diesem Jahr, große Literatur zu spielen. Diesmal steht Kleist auf dem Programm.

Und so setzte sich Marianne Hofmann wieder hin und schuf eine Alzenauer Bearbeitung von »Der zerbrochene Krug« von Heinrich von Kleist. Unter dem Titel »Der Dorfteufel« entwickelten die Theatermacher eine Komödie, die als Familienstück gegen Ende des 17. Jahrhunderts in einem Gerichtszimmer im Dorf Alzenau spielt.
Atmosphärisch kommt die Premiere der Produktion im oberen Burghof am Sonntagmittag vor 55 Besuchern Premiere gut an. Dass das Ganze an der frischen Luft stattfinden konnte, war bei dem verregneten und gewittrigen Wochenende Glücksache – aber alles ging gut.

Viel Vorbereitungsarbeit

Die Regisseurinnen Marianne Hofmann und Stefka Huelsz-Träger hatten mit ihren Kids ganze Vorbereitungsarbeit geleistet – und das, obwohl der Aufführungstermin zum Ende der Pfingstferien alles andere als optimal war. Die Kostüme und Masken von Stefka Huelsz-Träger und Dagmar Schudt wirkten authentisch, so dass der Eindruck einer kleinen Zeitreise entstand.
Worum geht’s im »Krug«? Dem Dorfrichter Adam (die Rolle teilten sich Luisa Freundt und Alina Renner) passiert ein ganz dickes Malheur. Beim versuchten Stelldichein hat er sich böse verletzt und auch noch seine richterliche Perücke verloren. Und: Er zerbricht einen Krug, der der Mutter seiner Verlobten sehr am Herzen lag. Blöd, dass just am nächsten Tag Gerichtsrat Walter (Micha Lang) seinen Besuch angesagt hat. Gerichtsschreiber Licht (Joshua Parr) ist hier keine große Hilfe für Adam, denn er giert selbst nach dem Amt des Dorfrichters. So gerät Richter Adam in die Verlegenheit, seine Tat vertuschen zu wollen – allerdings nicht mit Erfolg. Denn am Ende wird der Traum von Gerichtsschreiber Licht Wirklichkeit: Er erhält seine Beförderung zum Dorfrichter.

Bei der Inszenierung der Kultburgkids geht es sprachlich deftig zu. Dorfrichter Adam verzettelt sich immer mehr und bedenkt sein Umfeld mit Ausdrücken wie »Halt’ s Maul«. Nettigkeiten wie »Drecksack«, »Sauhund« oder »Klugscheißer« machen die Runde.

»Das war eine Spitzenleistung«, lobt Roland Kilchenstein, Vorsitzender der Kultburg, am Ende die Akteure. Marianne Hofmann hatte zuvor erleichtert und zufrieden verkündet: »Erst emol die Schweißdrobbe weg wische!«

Im Überblick: Weitere Aufführungen
Zwei weitere Aufführungen von »Der Dorfteufel« (Altersempfehlung der Kultburg: ab acht Jahren) finden am Samstag, 9. Juli, 14 Uhr, und Sonntag, 10. Juli, 11 Uhr statt.

Karten kosten fünf Euro im Vorverkauf, an der Tageskasse sieben Euro: Kontakt: Verkehrsamt der Stadt oder per E-Mail: inge-alzenau@t-online.de. Einen Ausschnitt aus »Der Dorfteufel« spielen die Kultburgkids am Sonntag, 26. Juni, 14.30 Uhr beim Familientag der Stadt Alzenau auf dem Gartenschaugelände.

Doris Huhn