Kultburg: Packende Inszenierung von Sartres Drama »Geschlossene Gesellschaft« im Michelbacher Schlösschen

Alzenau-Michelbach  Bravo-Rufe und kräftiger Applaus belohnten am Freitagabend im Michelbacher Schlösschen die neueste Inszenierung des Alzenauer Theatervereins Kultburg.

Aufgeführt wurde das Drama »Geschlossene Gesellschaft« des französischen Schriftstellers und Philosophen Jean-Paul Sartre. Unter der Regie von Christine Mareck-Brünnler zeigten Caroline Gündling, Sandra Majewski, Frank Sommer und (in einer Nebenrolle) Jens Schneider eine packende schauspielerische Leistung, die weit über Laientheaterniveau hinausging. Zwei weitere Aufführungen am Samstag- und Sonntagabend folgten.

Keine Minute ist langweilig

»110 Minuten ohne Pause« - diese Information bot ein Schild vor dem Treppenaufgang zum Saal des Schlösschens. Und selbst die Rezensentin musste bei dieser Ankündigung schlucken. Doch 110 Minuten später stand fest: Keine Minute, keine Sekunde wurde langweilig, die Handlung von Sartres sogenanntem »Höllenstück« fesselte von Beginn an, die Akteure überzeugten mit beeindruckendem Spiel und sattelfestem Text - die Souffleuse musste kein einziges Mal einspringen.

Ein echtes Paradestück gelang dem Theaterverein mit diesem Stück. Leider blieben bei der Premiere etliche Plätze frei. Lag’s am Stück oder am Termin? Wie auch immer: Die Anwesenden wurden mit einem Theatererlebnis beschenkt, das seinesgleichen sucht. In ein beklemmendes Szenario versetzt der Autor sein Publikum. Ein Diener führt nacheinander drei neue Gäste in ein mit drei Sesseln, einem Tischchen mit einer Klingel und einem Podest mit einer Statue spärlich möbliertes »Hotelzimmer«.

Nach seinem Verschwinden lässt sich die Tür nicht mehr öffnen, die Klingel klingelt nicht mehr, das Licht lässt sich nicht löschen. Es ist endgültig klar: Die reiche Estelle (Caroline Gündling), die lesbische und hochintellektuelle Inès (Sandra Majewski) und der Journalist Garcin (Frank Sommer) sind tot und definitiv in der Hölle angekommen. Doch Folterinstrumente suchen die drei umsonst, denn die Folterknechte sind sie selbst, jeder quält den anderen mit seinen Fragen, seinem Verhalten, seinen Antworten.
Jeder von ihnen hat im übertragenen oder im realen Sinn eine Leiche im Keller, jeder hat in seinem Leben Menschen psychisch und physisch gequält, jeder gibt irgendwann im Laufe des Abends zu, warum er oder sie in der Hölle gelandet ist.

Inès weiß ein bisschen mehr über die anderen und kostet das sichtlich aus. Sie bohrt und stachelt und intrigiert, streut Salz in die offenen, weit klaffenden Seelenwunden und drückt es auch noch mit dem Zeigefinger tief hinein. Doch auch sie muss leiden. Denn drei ist eine schlechte Zahl für die Hölle. Die lesbische Inès und der notorische Ehebrecher Garcin interessieren sich beide für die schöne Estelle. Eifersucht und Begierde wechseln sich auf der Bühne ab. Bis Estelle Inès rasend vor Wut mit einem Messer töten will. Doch diese lacht ihr kalt ins Gesicht: »Was tust du - ich bin doch schon tot!«

»Die Hölle, das sind die anderen« muss Garcin am Schluss entsetzt erkennen. Dem Irrsinn nahe lachen und weinen die für immer in ihrem letzten Zimmer Vereinten und in Erwartung ihres nicht mehr menschlichen Daseins. »Also - machen wir weiter«, bestimmt Garcin resigniert - und das Licht im Schlösschen verlischt.

Alles wirkt tief empfunden

Das Trio Gündling, Majewski und Sommer spielt mit nachhaltiger Wirkung. Egal, ob auf der Bühne geschrien, geweint, geliebt oder gehasst wird - alles wirkt gelebt und in diesem Moment tief empfunden. Selbst die Nähe zum Publikum hemmt die Akteure nicht, einen wahren Seelen-Striptease hinzulegen. Wer am kommenden Wochenende Zeit hat, sollte sich das Stück mit dem Prädikat »Besonders wertvoll« auf keinen Fall entgehen lassen!

Doris Huhn