Theater Kultburg-Ensemble führt Faschismus-Stück "Die Welle" in beklemmender Realität auf - Fünfmal ausverkauft

Alzenau In beklemmender Realität führte das Ensemble des Theatervereins Kultburg am Freitag im vollbesetzten Rittersaal der Burg die Premiere des preisgekrönten Stücks "Die Welle" von Reinhold Tritt auf. Eingeschworen von den Regisseurinnen Uschi Jebe und Gertrud Englert-Schauer zeigte die zwölfköpfige Truppe eine Riesenleistung, die fesselte und packte.

"Wie hypnotisiert" folgen die Schüler - dargestellt vom Ensemble des Alzenauer Theatervereins Kultburg - den Ideologien ihres Lehrers im preisgekrönten Stück "Die Welle", das die Verführbarkeit durch den Faschismus thematisiert und am Freitagabend im Rittersaal eine umjubelte Premiere feierte. Nach dem Ende der ohne Pause durchgespielten gut 90-minütigen Vorstellung wurden die Kultburgler mit Beifall überschüttet. Eine anwesende Klasse ließ eine La-Ola-Welle durch den Saal schwappen - eine zum Glück völlig ungefährliche Welle, die im krassen Gegensatz zu der im Stück thematisierten steht.

 

Das Stück, wie auch das Jugendbuch von Morten Rhues, basiert auf einer wahren Begebenheit. Der für seine unkonventionellen Methoden bekannte Lehrer Ron Jones versucht 1967 an einer Highschool in Kalifornien, Schülern beim Thema "Drittes Reich" mit einem Experiment zu vermitteln, wie leicht Menschen den Verlockungen des Faschismus unterliegen und in Fanatiker verwandelt werden können.

"Niemand folgt blind solchen Befehlen", ist sich die Klasse von Ben Ross sicher. Gerade haben die Schüler einen Holocaust-Film angesehen. Bei den grausamen Aufnahmen wenden sich immer mehr Schüler ab, unerträglich ist das Leid auf der Leinwand.

Eigentlich sind die Schüler von Ross ganz normal, sie träumen vom Studium, von Erfolgen in Football oder bei anderen Hobbys. Und gleich nach dem Pausenklingeln ist das Gesehene weggewischt. Nur Laurie kann die Bilder nicht vergessen, während ihre Mitschüler sich witzig vorkommen, als sie den Hitlergruß nachahmen.

Monster geschaffen

In einem Experiment versucht Ross eine ähnliche Situation wie damals zu schaffen und ist überrascht, wie schnell seine Schüler bereit sind, darauf einzugehen. "Du meinst, sie fühlen sich wohl unter Druck?", fragt seine Frau ungläubig und konfrontiert ihren Mann im Laufe des unheimlichen Experiments mit unbequemen Wahrheiten: "Du hast wirklich kleine Monster geschaffen!" Nach und nach setzt sich die faschistische Maschinerie in Gang. Vor allem der Außenseiter Robert hat endlich eine Aufgabe gefunden, in der er aufblüht. Zum Namen der Gruppe "Die Welle" wird ein Begrüßungsritual gewählt, das fatal an den Hitlergruß erinnert. Armbinden und Mitgliedsausweise folgen, Andersdenkende werden ausgegrenzt oder verprügelt. Die gefährliche Welle ist ins Rollen gekommen...

"Ihr wärt gute Nazis geworden, ihr hättet brav die Uniform angezogen", hält Ross den Schülern am Ende vor, als er "Die Welle" platzen lässt. "Faschismus, das ist kein Problem, das die anderen haben, es steckt in jedem von uns drin", wird der Lehrer noch deutlicher.

Das Kultburg-Ensemble überzeugt nicht nur durch zügiges Spieltempo und Textsicherheit, sondern auch durch beeindruckende Bühnenpräsenz. Nur eine Handbreit sind die Schauspieler oft vom Publikum entfernt, und so ist man mitten drin beim Fanatisieren der Schüler, beim Streiten, beim Diskutieren.

Und das ist auch gut so, denn so geht das Thema noch tiefer unter die Haut, hört die Grundproblematik nicht vor der Bühne auf, sondern man spürt, wie sehr in jedem von uns die Gefahr lauert. Körpersprache, Mimik und Gestik der dargestellten Figuren hat jeder Einzelne des Ensembles verinnerlicht. Groß inszenierte Szenen wie der Einmarsch mit Fackeln in den Rittersaal lassen den Puls der Zuschauer beim Finale noch höher schlagen.

Keine Frage: "Die Welle" ist eine der besten Inszenierungen, die der Alzenauer Theaterverein erarbeitet hat. Auch die beiden Zusatzvorstellungen am heutigen Montag (davon eine in der Karl-Amberg-Hauptschule) wie die zwei weiteren Aufführungen am Wochenende sind restlos ausverkauft. Es bleibt zu hoffen, dass dieses wertvolle Stück bald wiederholt wird.


Doris Huhn